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Hannover Concerts
 
Madeline Juno
18. Oktober 2017
Musikzentrum

 

MADELINE JUNO

DNA-TOUR

Mittwoch, 18. Oktober 2017 | Musikzentrum Hannover
Einlass: 19:00 | Beginn: 20:00 Uhr
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MADELINE JUNO [DNA]

Wann war das letzte Mal, dass Musik aus Deutschland dich wirklich überrascht hat?

– Dass du einen Song gehört hast, der dir den Atem stocken ließ, dich zum Mitdenken gebracht hat und überhaupt nicht so war, wie du es erwartet hattest? Der erste Track auf Madeline Junos neuem Album [DNA] ist so ein Song. [Halt mich fest] ist vom ersten Wort an voll da. Auf den Punkt. Kein Beat, keine Gitarre, kein Synthie – alles nicht nötig, denn Maddy führt unbeirrt weiter, was sie mit ihrer kleinen EP-Sensation „Waldbrand“ begonnen hat: Exzellente Texte in ihrer Muttersprache mit Biss, Witz und Köpfchen und ein Sound, der so dermaßen cool und ‚undeutsch’ ist, dass man seinen Ohren kaum traut. Räumt die Schublade im Kopf aus – ach was, werft den ganzen Schrank weg: [DNA] spielt in einer eigenen Liga

[Bitte weck mich nicht, wenn unser Kartenhaus zerbricht. Lieber versteck ich mich, als dazustehen und zuzusehen, wie alles, was wir waren zugrunde geht – in dem Orkan, den wir beschworen haben]

»[Halt mich fest] ist vielleicht der beste Song, den ich bis jetzt geschrieben habe und war rein Aufnahme-technisch auch der mit Anstand schwierigste. Von Imogen Heap inspiriert, wollten wir auch einen Vocoder-Song machen und haben dabei dann gemerkt, was das für eine Arbeit ist! Alle paar Worte wechseln die Harmonien komplett und es gibt keinen Groove, an dem man sich festhalten kann. Wir haben tagelang an dem Song geschraubt, um ihn genauso hinzubekommen, wie wir ihn haben wollten. Zuerst habe ich alles gesummt und erst dann ist Stück für Stück die Melodie entstanden. Inhaltlich geht es um eine frühere Beziehung von mir – eine, die uns beiden alles abverlangt hat und deren Ende wirklich sehr schmerzhaft war. – Manchmal möchte man einfach nur schlafen, weil keine Energie mehr da ist, um weiterzukämpfen.«

[Daran zu denken, dass ich dich immer noch mit mir herumtrag’ hass ich. Irgendwo in meinem System beißt du dich fest wie ‘ne Zecke. Bitte geh – mir aus dem Kopf]

Auch [Gift], die neue Auskopplung nach der Vorabsingle [Still], ist Teil der Verarbeitung dieser kraftraubenden Beziehung und schafft es trotzdem einen verzweifelten Ausbruch wie [Ruf mich nie wieder an, wenn du nicht schlafen kannst] im Refrain so unwiderstehlich tanzbar klingen zu lassen, dass man sich lebhaft vorstellen kann, wie großartig es sein wird, diese Worte zusammen mit den anderen Fans beim Livekonzert rauszusingen. Sowieso gelingt es Maddy immer wieder, ihre oft erstaunlich ernsten Themen und doppelten Songwriting-Böden überraschend positiv klingen zu lassen. Wie in [Phantomschmerz]:

[Niemand mehr, der Witze macht und mich beim Kartenspielen besiegt. Ich kann noch hören wie du lachst – in meinen Ohren war das Musik]

»[Phantomschmerz] handelt vom Tod eines geliebten Menschen. Ich hatte nicht vor, einen Song darüber zu schreiben – es war eigentlich sogar ein richtig blöder Tag im Studio, an dem uns nichts gefallen wollte. Irgendwann haben wir dann doch noch ein paar Akkorde gelegt und plötzlich war der Song in 50 Minuten fertig. Das war ein Jahr nach dem Tod meines Großvaters, allerdings war mir vorher nicht bewusst, dass das so präsent war. Mir gefällt, dass der Song viel mehr ein lächelndes Denkmal ist, als eine traurige Erinnerung.« Dass Maddy aktuell so nah an sich selbst dran ist, dass sie oft selbst überrascht ist, liegt sicher auch daran, dass sie seit „Waldbrand“ auf Deutsch schreibt und singt. »Ich hatte die fixe Idee, in meiner Muttersprache Musik zu machen, weil ich wissen wollte, ob meine Songs auch auf Deutsch funktionieren und man sie dann extrem modern produzieren kann. Unser Ziel war es, auf Deutsch absolut international zu klingen – und das haben wir so konsequent wie nur irgend möglich umgesetzt.«

[Für dich würd ich alles wegwerfen, bis ich nichts hab. Scheiß auf all den Schnickschnack, solang ich dich hab. Ich will, dass du verstehst: – Ey, ich existiere nicht ohne dich]

»[Schatten ohne Licht] ist ein Geschenk an meine Mama. Der Song soll ihr Mut machen, ihr zu verstehen geben, wie fantastisch sie ist und dass für mich Wunder geschehen, wenn sie lacht.« Dass innige Komplimente nicht uncool sein müssen, ist schon beim lässigen Beat offensichtlich und spätestens bei den atmosphärisch groovenden Chören unüberhörbar. Die Sache mit den tieferen Ebenen von Maddys Songs entdeckt vermutlich am besten jeder für sich – zwei Tracks seien dem geneigten Leser allerdings trotzdem noch ans Herz gelegt: Selten hat eine Boshaftigkeit so liebenswert geklungen wie im grandiosen [Ohne Kleider], und vielleicht sogar nie zuvor war die interpretatorische Fallhöhe so enorm wie im vermeintlich unbeschwerten [Wenn ich angekommen bin] …

[Ich kenn dich ohne Kleider – ich weiß alles über dich, verstecken bringt dir nichts Ich weiß, wie du ohne Kleider bist, was deine Schwäche ist, auf cool machen nützt dir nichts]

Sorry, aber die Frage nach dem Titel des Albums stellt sich einfach nicht. Wer sich die 16 Songs auf [DNA] anhört, weiß, dass man solche Lieder nur schreiben kann, wenn man sich öffnet. Sein Innerstes nach außen kehrt und frei von Scham und Strategie offenbart, was man dort vorfindet. Und selbst wenn es ausnahmsweise mal nicht um ein Thema geht, das Maddy aktuell selbst erlebt hat, ist ihre Wortwahl so pointiert uneitel und atemberaubend präzise, dass man sich immer wieder angenehm ertappt fühlt. »Songs, die sich nicht entwickeln, sind nicht so mein Ding. Während ich schreibe, achte ich darauf, was ich in der Strophe davor schon gesagt habe, und versuche, die Geschichte immer weiterzuerzählen. Ich möchte mit meinen Texten Gefühle erzeugen, ohne kitschig zu sein. Dabei sitze ich selten lange an einem Text – zum einen habe ich das Glück, dass mir die Worte oft zufliegen, zum anderen werden die Geschichten nicht besser, wenn man zu viel darüber nachdenkt – der rote Faden wird dadurch nur dünner.«

[Ich bin gebaut, um zu eliminieren, was mich kaputtmacht – es ist in meiner DNA]

Madeline Juno hat [DNA] mit ihrem kongenialen Partner Oliver Som komplett im Alleingang produziert – noch so ein Novum seit der „Waldbrand“-EP. Mit [DNA] haben sich die beiden beeindruckend von allen Konventionen freigeschwommen und ein Album abgeliefert, das für helle Aufregung im deutschen Pop-Establishment sorgen wird. »Wenn die EP das Vorwort war, ist [DNA] die ganze Geschichte. Das Album ist noch entspannter, die Wut ist verflogen. Wir waren musikalisch absolut frei und haben ohne jegliche Außeneinwirkung aufgenommen, was in uns ist und uns persönlich gefällt. Unsere [DNA] auf Tonspur.«

Fotocredit: Philipp Gladsome
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